#289: Wien - Am Wilden Berg und Durchhäuser der Altstadt

Am 31.8.2015 war ich wieder einmal in Wien. Und wieder einmal habe ich viel Neues gesehen und es war sehr spannend...


Zuerst war ich am "Wilden Berg". Der Wilde Berg ist ein 370 m hoher Berg im 23. Wiener Gemeindebezirk Liesing. Er ist der höchste Berg im Bezirksteil Mauer und der dritthöchste des Gemeindebezirks. Neben dem Wilden Berg liegt der Georgenberg. Dort kann man unter anderem die Wotrubakirche bestaunen. Die römisch-katholische Kirche aus Betonblöcken wird auch "Kirche Zur Heiligsten Dreifaltigkeit" genannt. Die Wotrubakirche liegt auf dem Areal der ehemaligen Luftnachrichtentruppen-Kaserne in Liesing.






Nahe der Kirche befindet sich der Sterngarten, eine als Freiluftplanetarium dienende Betonplattform:




Schnappschüsse am Wilden Berg:

 



Nach dieser kurzen Tour in Mauer bin ich mit dem Auto zum Donaukanal gefahren.. Von dort ging die Fahrt mit dem Rad durch die Innenstadt von Wien...



Ein paar Schnappschüsse... hier ein schöner Blick auf die Urania...

Die Urania ist ein Volksbildungshaus mit Sternwarte in der Uraniastraße. Der Verein wurde 1897 gegründet und nahm 1910 sein im neobarockem Stil gehaltenes Vereinshaus in Betrieb. Heute ist die Wiener Urania eine Einrichtung der „Wiener Volkshochschulen GmbH“. Das zwischen 2000 und 2003 erneuerte Urania-Gebäude enthält heute die Volkshochschule, eine Sternwarte, ein Kino, das Urania-Puppentheater und ein Café-Bar-Restaurant. 

Im Haus befinden sich zahlreiche Vortrags- und Präsentationsräume für unterschiedlichste Verwendungszwecke, wie sie für das breite Kursangebot der Volkshochschule benötigt werden. Jedes Semester stehen ca. 450 Volkshochschulkurse, etwa 100 Vorträge, sowie Kulturfestivals, Symposien, Diskussionsveranstaltungen, Filmvorführungen, etc. zu den unterschiedlichsten Themen auf dem Programm.





Die Sternwarte am Dach der Wiener Urania ist Österreichs älteste und zugleich modernste Volkssternwarte. Die Urania Sternwarte - ausgestattet mit einem leistungsfähigen automatischen Doppelteleskop - eröffnet trotz der Helligkeit der umgebenden Stadt astronomische Beobachtungsmöglichkeiten am Stand der Technik. Unter der Beobachtungskuppel befindet sich ein 12-eckiger Raum - genannt "Laterne", der für Vorträge genutzt wird.



Nächstes Foto: die "österreichische Postsparkasse". Das achtstöckige Gebäude ist die aktuelle Zentrale der BAWAG P.S.K. und ist eines der berühmtesten Jugendstilgebäude Wiens.




Schließlich bin ich am Stephansplatz angelangt...





Ich befinde mich jetzt beim "Stock im Eisen". Der Stock-im-Eisen ist der mittlere Teil einer zweiwipfeligen Zwieselfichte aus dem Mittelalter, die über und über mit Nägeln beschlagen wurde. Man nennt solche Stämme auch Nagelbäume. Der Wiener Stock-im-Eisen ist der älteste noch erhaltene Nagelbaum, die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1533. Das Original steht heute noch in Wien hier am Stock-im-Eisen-Platz 3, am Eck zwischen Graben und Kärntner Straße, dem sogenannten Palais Equitable.






Schräg gegenüber befindet sich seit einer gefühlten Ewigkeit eine in Wien ungemein beliebte Konditoreikette, deren Name an eine Oper von Verdi erinnert. Ich passiere diese Richtung Osten in die Singerstraße




Am Haus der Aida mit seiner schönen Fassade steht über einem Balkon direkt über einer Nische „Zum goldenen Becher“. 



Die blutige Geschichte dazu hat aber nichts mit einem Becher zu tun: ein junger Protestant entriß 1549 bei einer Fronleichnamsprozession dem Bischof die Monstranz und schleuderte diese fluchend weg. Dafür gäbe es heute nicht einmal einen Verweis, aber zu dieser Zeit wurden ihm für die Gotteslästerung Zunge und Hand unsanft entfernt und er selbst lebendig verbrannt. Ein Gedenkstein erinnerte an dieser Stelle als Warnung an alle anderen.


Der Singerstraße folgend blicke ich an der nächsten Ecke nach links – es gibt dort eine prächtige Sicht auf das Dach des Stephansdoms und das alte Wappen mit dem Doppeladler. 




Nach einigen Schritten weiter in der Singerstraße ehe ich plötzlich ein geöffnetes Tor: das Haus des Deutschen Ordens. Ich gehe in das Haus hinein und finde unter anderem diese Tafel...


Der Deusche Ritterorden war der erste Orden, der von den Nazis verboten wurde. Er wurde zur Zeit der Kreuzzüge im Heiligen Land gegründet und kam 1210 nach Wien. In der Deutschordenskirche finden auch Gottesdienste in ungarischer Sprache statt. Dieses Haus ist eines der vielen Wiener Durchhäuser: man geht hinein und kommt anderswo wiederheraus. Das darf nicht mit den unzähligen Hinterhöfen in Deutschland verwechselt werden, diese sind nämlich verkehrstechnisch gesehen Sackgassen.

Ich durchquere den Hof diagonal und bleib im Torbogen stehen. Dort findet man eine Tafel der „Träger der Mozart-Medaille der Mozartgemeinde Wien“. Auch die Wiener Philharmoniker sind dort verzeichnet. Durch den Torbogen weiter komme ich in den nächsten Hof. Links käme ich wieder zum Stephansplatz, daher halte ich mich rechts und kommen so wieder auf die Singerstaße zurück.

Weiter Richtung Osten erreiche ich die Blutgasse, in die ich links einbiege. Nach einigen Metern erreiche ich den Eingang „Blutgasse 9“ und gehen durch die enge Holztür hinein. Ich gehe weiter, bis ich in einem Innenhof lande. Mitten im Hof befindet sich ein unter Naturschutz stehender riesiger Baum, eine über 250 Jahre alte morgenländische Platane.



 



... ein Teil der Blutgasse ist die wahrscheinlich schmalste Gasse von Wien...

 


Ich gehe nicht zurück, sondern suche einen anderen Ausgang. Dort warten auf mich einige Stufen hinauf und mehrere hinunter. Ein Eisentor stellt mich vor eine Entscheidung – ich entschließe mich für „links hinauf“.







Ich komme in einen Pawlatschenhof (das stammt aus dem Tschechischen und bedeutet ungefähr soviel wie „Laubengänge“) - man glaubt hier irgendwie, schon weit weg von der Großstadt zu sein. Zu den Bewohnern dieses komplizierten Baukomplexes gehörte früher auch der Komponist Wenzel Müller. Seine bekannteste Melodie war „Brüderlein fein“.


       




Ich verlasse den Pawlatschenhof geradeaus weitergehend und erreiche wieder die Blutgasse. Beim Durchgehen komme ich beim "Peace Museum Vienna" vorbei...





Die Blutgasse...Die Gegend, genannt Blutgassenviertel, zählt zu den ältesten und malerischsten der Stadt. Die Häuser der Blutgasse gehen in ihren Fundamenten bis ins Mittelalter zurück.




1368 wird sie als Kotgässel bei den Deutschen Herren erstmals genannt, 1392 nur als Kotgässel bezeichnet. Weitere Nennungen der Gasse sprechen von der Gasse hinter den Deutschen Herren (1394), vom Kergässel (1406 und 1411), von der Blutgasse (seit 1547) und der Milchgasse (1600); seit 1862 gilt die amtliche Bezeichnung Blutgasse. Die Deutung dieser Namen gilt als unklar, obwohl der Namen Kotgässel mit dem Zustand der Straße in Zusammenhang zu stehen scheint.

Um den Namen Blutgasse zu erklären gibt es eine Überlieferung, die von Schlachthäusern in der Gegend spricht, wobei das dabei vergossene Blut durch die Gasse gelaufen sein soll; eine andere Überlieferung bringt den Namen mit den Tempelrittern in Zusammenhang, die 1312 im Fähnrichhof niedergemetzelt worden sein sollen, worauf die Gasse voll mit ihrem vergossenen Blute gewesen sei. Beide Geschichten werden von Historikern nicht als stichhaltig erachtet.



Ich folge der Blutgasse nach Nordosten und erreiche die Domgasse. Im Haus Domgasse 8 wohnte und starb Franz Kolschitzky. Dieser bekam 1683 zur Zeit der Türkenbelagerung den Auftrag, sich durch die feindlichen Linien zu schmuggeln und mit dem Befreiungsheer Kontakt aufzunehmen. Das gelang und als Belohnung für seine Verdienste erhielt er auf eigenen Wunsch einige Säcke mit grünen Bohnen, welche die Osmanen bei ihrer Flucht zurückgelassen hatten. Mit diesem türkischen Kaffeebestand gründete er das erste Wiener Kaffeehaus und versüßte das Getränk mit Milch und Zucker – erfand also den kleinen Braunen. Eine wirklich schöne Geschichte mit nur einem Fehler: sie stimmt nicht. Schon einige Jahre vorher gründete nämlich ein Armenier das erste Kaffeehaus Wiens an der Adresse Rotenturmstraße 14.





Ich gehe nach links und dann gleich wieder rechts zur Schulerstraße und überquere diese Richtung Norden. Die Strobelgasse führt mich zur Wollzeile.







In dieser ältesten bekannten Straßenbezeichnung Wiens gehe ich nach Westen, bis wir nach 50 Metern zu einem Hauseingang mit der Nummer „Wollzeile 5“ komme. Gleich beim Eingang befinden sich auch links und rechts vertikale längliche Hinweise auf ein bekanntes Gasthaus im Durchgang. Das Gasthaus Figlmüller ist eine der traditionellsten Institutionen der Wiener Kulinarik: das Wiener Schnitzel ist dort stets größer als der Teller.





Auf der anderen Seite des Durchgangs erwartet mich ein Platz namens Lugeck, den ich hinter dem Rücken von Johannes Gensfleisch (besser bekannt als Gutenberg) überquere. Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg gilt als Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern (Mobilletterndruck) und der Druckerpresse.






Ich gehe in die Köllnerhofgasse nach Norden geradeaus weiter. Jedoch nicht bis zum Ende, sondern ich biege kurz vorher rechts in die kurze Grashofgasse ein. An der Hausfront vor dem Eingang der Grashofgasse ist eine Darstellung mit einer Vielzahl kleinerer Inschriften des Stiftes Heiligenkreuz zu sehen, welche aus der Zeit um 1953 stammen muss, als der Hof nach dem Weltkrieg großflächig renoviert worden war.







Beim Tor mit der Adresse Grashofgasse 3 bleibe ich stehen. Hier steht groß "Achtung Privatgrundstück" geschrieben. Man darf aber durchgehen nur Fahrradfahren ist nicht erlaubt.










Ich gehe hindurch und befinde mich im Heiligenkreuzer Hof. Die Anlage gehört noch heute dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz im Wienerwald und diente früher als Markt, wo das Stift seine eigenen Produkte (Wein, Schuhe,...) verkaufen konnte. Heute ist es praktisch ein großer Privatparkplatz. Besonders am Wochenende ist das hier trotzdem (ohne die vielen parkenden Autos) eine Oase der Ruhe.




... ein paar Schnappschüsse...

 





Auch ein "Fundstück" im Hof:




Ich durchquere den Hof und erreiche die Schönlaterngasse.






Die Fassade des Hauses Nr. 7 zeigt einen skurrilen Text samt Bild - es ist das Basiliskenhaus: ein Spitzenprodukt der mittelalterlichen Gentechnik als Mischung aus Kröte, Hahn und Schlange mit tödlich giftspeiendem Atem. Die damals massenweise Sterbenden waren eher auf dort austretende giftige Erdgase zurückzuführen, aber der Wiener hat ja Fantasie und mag solche Legenden. Gegenüber bei Haus Nr. 6 hängt übrigens die Laterne, welcher die Gasse ihren Namen verdankt.





Bei der Gastwirtschaft "zum Basilisken" befindet sich auch eine Statue...



Blick auf einen Teil der Fassade des Heiligenkreuzerhofes... 




Ich gehe nach Südwesten bis zur nächsten Quergasse, der Sonnenfelsgasse und biege links in diese ein. Nach wenigen Metern erreiche ich den uralten Dr.-Ignaz-Seipel-Platz. Hier befand sich fast 500 Jahre lang die Alte Universität und noch heute die Akademie der Wissenschaften - beherrscht wird der Platz aber von der Jesuitenkirche.




Die Jesuiten hatten im 17.Jahrhundert großen Einfluß und durften sogar die Professoren der Universitäts ernennen. Wahrscheinlich hatten sie damals auch ein großes soziales Netzwerk – ob das „Faithbook“ hieß ? Wenn das Tor der Kirche offen ist, dann geh‘ ein paar Schritte hinein und inspiziere die Kuppel – sie ist nur eine Täuschung und eine Spitzenleistung der Scheinarchitektur.

Ich überquere den Platz diagonal und gehen die Bäckerstraße in Richtung Südosten weiter und überquere die Postgasse, bis ich den Dr.-Karl-Lueger-Platz erreiche.





Hier befindet sich auch ein Modell des Stephansdomes...





Nach dieser interessanten Runde durch die Altstadt von Wien fahre ich mit dem Rad wieder zurück zum Donaukanal. Hier noch ein paar schöne Schnappschüsse...






Und wieder bin ich bei der "Urania" angekommen. Dort, wo meine Radrunde vor ein paar Stunden begonnen hat...




Alle Bilder (c) NaturReisen 2015